Interview mit Sebastian Leitinger, Gründer von Glein



"Letztendlich geht es darum gut zu leben und niemand anderen dafür zahlen zu lassen"


Sebastian, wie kamst du auf die Idee Glein zu gründen?

Ich habe ursprünglich Volkswirtschaft studiert, weil mich der Austausch zwischen Menschen schon immer sehr interessierte, habe dabei allerdings festgestellt, dass ich nicht so der Theoretiker bin. Über einen Freund wurde ich schließlich auf das Studium Produktdesign aufmerksam. Dies war der Startschuss, um mich intensiv mit Design auseinanderzusetzen. Die Frage „Was macht ein gutes Produkt aus?“ beschäftigt mich seither auf unterschiedlichen Ebenen: der ästhetischen, der funktionalen und der produktionstechnischen. Klassiker sind meiner Meinung nach gut in all diesen Bereichen.

Während einem Aufenthalt in Paris habe ich mir dann ein Paar schlichte, weiche Tanzschuhe gekauft und mich gefragt, warum es so wenig puristische, schöne Schuhe wie diesen gibt und ich kam so erstmals auf die Idee einen schlichten, guten Alltagsschuh für mich zu gestalten. Gemeinsam mit Mario Gamser, einem befreundeten Mode- und Produktdesigner, ist daraus das Derby Projekt entstanden. Wir wollten einen Schuh entwerfen, der sowohl vom Design, vom Material wie auch von der Produktion keine Kompromisse für uns einging. Dieser Prozess dauerte ganze zwei Jahre. Irgendwann stellte sich die Frage, wie wir den fertigen Schuh vertreiben wollten - entweder in der High End Mode oder als möglichst leistbaren Alltagsschuh. Wir entschieden uns für Letzteres. Das Projekt wurde Glein genannt und ich eröffnete einen kleinen Shop in meinem Atelier in der Neustiftgasse in Wien.


Was steckt hinter dem Namen Glein?

Mir schwebte ursprünglich der Name Klein vor – der Name meiner Großeltern. Mein Opa wollte gern ein eigenes Geschäft eröffnen. Er war Zuckerbäcker und hat für die Aua gearbeitet. Ich habe ihn nie kennengelernt, aber meine Oma hat mir einmal, als wir in ihrem Heimatort an einem kleinen, verfallenen Laden vorbeigingen, erzählt, dass der Opa den so gerne gehabt, aber nie bekommen hat. Irgendwie fand ich diesen familiären Hintergrund inspirierend. Da der Name jedoch schon von einer anderen Marke besetzt war, war diese Namensgebung nicht möglich. Die Ummodelierung zu Glein ergab sich dann aus dem Zusammenspiel mit unseren Namen, also Gamser, Leitinger und Klein.


Du hast gesagt, dass ein gutes Ding sowohl auf der funktionalen und der ästhetischen als auch der produktionstechnischen Ebene funktionieren muss. Inwiefern wird dieser Anspruch bei Glein erfüllt?

Ich verstehe mich in erster Linie als Designer, verfolge aber auch den Produktionsprozess bis ins letzte Detail. Mir war es schon immer wichtig Dinge so regional wie möglich herzustellen. Bei der Entwicklung des Derby Schuhs stellte sich zum Beispiel die Frage, wie und wo Leder hergenommen werden sollte, hinter dem man auch moralisch stehen kann. Um einen Überblick über die Lederindustrie zu bekommen, bin ich dann einen Sommer lang durch Europa gereist und habe mit vielen Besitzer*innen von Gerbereien gesprochen. Ich wollte eine Gerberei ausfindig machen, die auch genau sagen kann, woher sie ihre Rohhäute bezieht. Diese habe ich schließlich in Deutschland gefunden. Die Sohlen werden wiederum in Frankreich handgegossen und die Produktion wird von einem österreichischen Unternehmen in Kroatien ausgeführt.


Diese Art zu produzieren scheint dem Zeitgeist, vor allem dem starken Bewusstsein für Nachhaltigkeit und ökologisch verantwortungsvollem Handeln zu entsprechen. Wie ist deine Position?

Es gibt so viele Waren am Markt, man müsste gar nichts produzieren. Aber es gibt zu viele Dinge, die nicht gut gemacht sind. Ich finde, wenn man ein privilegierter Mensch ist, der in Europa lebt und studiert hat, dann kann man das eigentlich nur so machen, wie wir das bei Glein machen. Man hat eine gewisse Verantwortung, wenn man ein Produkt in die Welt setzt. Mich hat es immer schon interessiert einen Ticken ganzheitlicher zu denken und Dinge vernetzt zu sehen. Für mich ist das Design nicht unabhängig vom Material zu sehen, und darauf folgt die Frage nach einer guten Produktion und weiter die Frage nach einem fairen Preis und damit einer möglichst einfachen Zugänglichkeit. Alles vom ersten Entwurf über den Materialeinkauf, die Produktionsbetreuung in den Werkstätten bis hin zum Verkauf an den Kunden passiert bei uns. Das hat enorm viele Vorteile.


Inwiefern?

Der Eigenvertrieb lässt uns viele Freiheiten die unter anderen Umständen nicht möglich wären wie z.B. die verschiedenen T-Shirtlängen anstatt des üblichen XS-XL oder eine strikte "no Sale" Preispolitik von der am Ende alle profitieren. Weiters werden unsere Produkte durch den reinen Eigenvertrieb wesentlich günstiger für unsere EndkundInnen, da sie sich den Zwischenhandel sparen und das macht es wiederum erst möglich nachhaltiges Qualitätsmaterial und Europäische Produktion zu leistbaren Preisen anzubieten.


Welche Mission verfolgt Glein?

Die Mission ist schöne Dinge zu produzieren, und das ganzheitlich, also von der Faser bis zum Verkauf. Ein schön gestaltetes Ding bedeutet für mich nicht nur, dass es in ästhetischer Hinsicht sitzt, sondern auch, dass man voll und ganz hinter dem Produkt stehen kann. Dazu gehört hoch qualitatives Material, Langlebigkeit, und vor allem auch eine Produktion, die so arbeitet, dass man das Produkt noch kaufen mag, nachdem man Einblick in sie bekommen hat. Zu einem schönen Ding zählt für mich, dass für dessen Herstellung beispielsweise keine Chemikalien ins Grundwasser geleitet und keine Leute zu irgendetwas gezwungen werden. Letztendlich geht es darum gut zu leben und niemand anderen dafür zahlen zu lassen.


Das Sortiment hat sich mittlerweile um einiges erweitert. Neben den Schuhen, gibt es Taschen, Geldbörsen, Kleidung und Möbel. Alle Produkte sind vom Stil her eher minimalistisch gehalten. Wie kommst du zu diesem Stil für Glein?

Das hängt damit zusammen, dass bei Glein eigentlich immer alles beim Material anfängt. Also wenn ich über neue Tasche nachdenke, beginne ich immer damit, mich mit Materialien auseinanderzusetzen. Das ist eine eigene Art zu arbeiten. Ich suche erst ein Material, dass mich fasziniert und je nachdem wie es beschaffen ist, resultiert welche Art von Tasche sich daraus kreieren lässt. Das ist eigentlich das Gegenteil von Mode, wo man meist von einem gewissen Style ausgeht und dazu das Material sucht. Wir bei Glein sind extrem materialfokussiert.


Worin findest du Inspiration für deine Arbeit?

Ich habe immer Ideen von neuen Dingen im Kopf und im Designprozess geht es meist darum diese losen Visionen in formschöne, funktionierende Produkte umzuwandeln. Es kann aber trotzdem ein sehr langer und aufwändiger Prozess sein, bis es zu einem fertigen Produkt kommt, dass dann in der Auslage stehen darf. Sehr inspirierend ist für mich auch der Besuch in den Produktionsstätten. Diese Orte können regelrecht beflügelnd sein, da sie aufzeigen, wie unglaublich viel möglich ist. Und auch wenn ich im Design selbst eigen bin und eine sehr klare Linie verfolge, freue ich mich immer wieder über den Austausch mit anderen bezüglich Gestaltungsfragen. Egal ob mit Mitarbeiter*innen oder Kund*innen - der Dialog stellt eine große Inspirationsquelle für mich dar und erweist sich oftmals als wegweisend für eine neue Richtung. Letztendlich geht es ja darum Dinge zu machen, die möglichst viele Menschen im Alltag begleiten.


Worin siehst du die größten Herausforderungen in der Realisierung des Projekts?

In dem, dass wir eine ziemlich aggressive Preispolitik und kein großes Marketingbudget haben. Außerdem verfolgen wir kein strenges Geschäftsmodell, das auf schnellen Umsatz ausgelegt ist, sondern versuchen Glein sich langsam entwickeln zu lassen. Das ist mit viel Aufwand und Zeit verbunden, aber ich bin davon überzeugt, dass diese Haltung einmal viel bringen wird. Die andere Herausforderung ist das Qualitätsversprechen. Wir verwenden nur beste Materialien und arbeiten mit erfahrenen Produktionspartner*innen unter höchsten ökologischen sowie sozialen Standards. Trotzdem kann es bei neuen Produkten immer wieder dazu kommen, dass kleine Fehler unterlaufen und jedes Produkt ist somit nach der zweiten Kleinserie besser als nach der ersten. Aber deshalb arbeiten wir auch nicht saisonal, sondern verbessern unsere Produkte laufend mit jeder neuen Edition.